Vor 70 Jahren: Italienische Militärinternierte in Deutschland - Sonderausstellungen in niedersächsischen Dokumentations- und Gedenkstätten

Mitte September 1943 erreichten die ersten Transporte mit italienischen Militärinternierten die Kriegsgefangenenlager Fallingbostel und Wietzendorf in der Lüneburger Heide sowie Bathorn im Emsland.

Aus diesem Anlass erinnern jetzt zwei Sonderausstellungen in der Gedenkstätte Esterwegen und in Schwanewede an das Schicksal der italienischen Militärinternierten.

Im Herbst 1943 wurden etwa 600.000 italienische Soldaten in das Deutsche Reich deportiert und zur Zwangsarbeit unter härtesten Bedingungen eingesetzt; mehr als 100.000 von ihnen wurden in das Gebiet des heutigen Niedersachsen gebracht. Insgesamt kamen mindestens 25.000 italienische Militärinternierte in der Gefangenschaft um. Von etwa 5000 fehlt bis heute jede Spur.

Nach dem Sturz des Diktators Mussolini im Sommer 1943 hatte die italienische Nachfolgeregierung am 3. September 1943 einen Waffenstillstand mit den Alliierten geschlossen. Aus den "Waffenbrüdern" wurden nun "Verräter": Die Wehrmacht entwaffnete die italienischen Truppen in Norditalien und auf dem Balkan und deportierte die Soldaten nach Deutschland. Auf Befehl Hitlers wurden sie als "Militärinternierte" bezeichnet und nicht als Kriegsgefangene behandelt; damit wurde Ihnen der Schutz der Genfer Konvention verweigert. Im Herbst 1944 wurden sie schließlich in den Zivilstatus überführt, mussten aber weiter Zwangsarbeit leisten. Nach 1945 konnten sie dennoch keine Entschädigungsansprüche geltend machen.

Das Thema ist politisch hochaktuell: 2008 hatte das Oberste Gericht in Italien die Bundesrepublik Deutschland zu einer Schadensersatzzahlung verurteilt. Der Internationale Gerichtshof in Den Haag wies die Ansprüche gegen Deutschland allerdings zurück. Ende 2008 beriefen die Außenministerien der beiden Staaten eine deutsch-italienische Historikerkommission zur Untersuchung der gemeinsamen Kriegsvergangenheit. Bei der Präsentation ihres Abschlussberichtes rief Außenminister Guido Westerwelle im Dezember 2012 zur Schaffung einer deutsch-italienischen Erinnerungskultur auf.

IN RICORDO – Eine Fotoausstellung von Yuri Materassi

Elio Materassi

Der italienische Fotograf Yuri Materassi (geb. 1976) fotografierte die Stationen der Gefangenschaft seines Großvaters Elio Materassi (1922-2011). Der damals 21jährige wurde nach Deutschland verschleppt und kam in das Lager Heidkamp in Schwanewede. Er mußte schwere Zwangsarbeit beim Bau des U-Boot-Bunkers "Valentin" in Bremen-Farge leisten. Der Enkel stellt seinen fotografischen Impressionen Ausschnitte aus Elio Materassis Tagebuch gegenüber. Darin schildert er seinen Leidensweg vom Verbündeten zum Sklaven der Deutschen.

Ort: Ratssaal im Rathaus Schwanewede, Damm 4, 28790 Schwanewede
Dauer der Ausstellung: 5.9 - 11.10.2013
Eröffnung: Donnerstag, 5.9.2013, 18 Uhr, ⇒ Einladung
Veranstalter/Kontakt: Heimatfreunde Neuenkirchen e. V., Sparte Gedenkstättenarbeit, Baracke Wilhelmine, An der Kaserne 122, 28790 Schwanewede, www.baracke-wilhelmine.de, Telefon 0162-9731338 (Harald Grote)

VON ALBANIEN INS STALAG VI C, ZWEIGLAGER VERSEN UND FULLEN – Zeichnungen und Tagebuchaufzeichnungen von Ferrucio Francesco Frisone

Ferruccio Francesco Frisone

Der Künstler Ferrucio Francesco Frisone (1909-1973) führte während seiner Gefangenschaft ein Tagebuch, das er mit zahlreichen Motiven aus dem Lagerleben illustrierte. Zeichnungen und Tagebucheinträge ergänzen sich zu einem beeindruckenden und bedrückenden Dokument. Im Mittelpunkt der Zeichnungen stehen seine mitgefangenen Kameraden, mit denen er wochen- und monatelang die Gefangenschaft unter anderem im Lager Meppen-Versen und im "Todeslager" Fullen teilte. Manche von ihnen begleitete er bis zu ihrem Tod.

Ort: Gedenkstätte Esterwegen, Hinterm Busch 1, Esterwegen
Dauer der Ausstellung: 8.9. - 24.11.2013
Eröffnung: Sonntag, 8.9.2013, 15 Uhr. Zur Ausstellungseröffnung wird der in den USA lebende Sohn Giovanni R. Frisone anwesend sein. ⇒ Einladung
Veranstalter/Kontakt: Dokumentations- und Informationszentrum Emslandlager in der Gedenkstätte Esterwegen, Hinterm Busch 1, 26897 Esterwegen, Tel. 05955-988950, info[at]gedenkstaette-esterwegen.de, www.gedenkstaette-esterwegen.de

Dauerausstellungen in Nordwestdeutschland

Das Schicksal der italienischen Militärinternierten in den Lagern, Lazaretten und Arbeitskommandos in Nordwestdeutschland wird auch in den Dauerausstellungen der Gedenkstätten Bergen-Belsen und Sandbostel ausführlich dokumentiert.

Literatur (Auswahl)

Zu den Sonderausstellungen:

  • Giovanni R. Frisone, Deborah Smith Frisone (Hrsg.): Von Albanien ins Stalag VI C, Zweiglager Versen und Fullen. Zeichnungen und Aufzeichnungen des italienischen Militärinternierten Ferruccio Francesco Frisone 1943–1945. Dokumentations- und Informationszentrum Emslandlager, Papenburg 2009.
    Italienische Ausgabe: Giovanni R. Frisone, Deborah Smith Frisone (Hrsg.): Dall'Albania al Lager di Fullen. Storia di un pittore internato. Ferruccio Francesco Frisone. Dokumentations- und Informationszentrum Emslandlager, Papenburg 2010
  • Der lange Weg nach Farge. Die Odyssee des italienischen Militärinternierten Elio Materassi. Handreichung für historisch Interessierte Nr. 1, hrsg. v. Dokumentations- und Lernort Baracke Wilhelmine, Schwanewede-Neuenkirchen, 2012

Standardwerke:

  • Gerhard Schreiber: Die italienischen Militärinternierten im deutschen Machtbereich 1943-1945. Verachtet - verraten - vergessen, München 1990
  • Gabriele Hammermann: Zwangsarbeit für den "Verbündeten". Die Arbeits- und Lebensbedingungen der italienischen Militärinternierten in Deutschland 1943-1945, Tübingen 2002

Regional Norddeutschland:

  • Hildesheimer Geschichtswerkstatt e.V. (Hrsg.): "Schläge, fast nichts zu essen und schwere Arbeit". Italienische Zwangsarbeiter in Hildesheim 1943-1945, Hildesheim 2000
  • Rolf Keller: Zwangsarbeiter in Uniform. Italienische Militärinternierte am Rammelsberg, in: Bernhild Vögel (Hrsg.): System der Willkür. Betriebliche Repression und nationalsozialistische Verfolgung am Rammelsberg und in der Region Braunschweig, Goslar 2002, S. 51-70
  • Giuseppe Chiampo: Überleben mit Stift und Papier. Aus dem Tagebuch eines Italienischen Militärinter­nierten im Zweiten Weltkrieg in Hilkerode/Eichsfeld, hrsg. für die Geschichtswerkstatt Duderstadt von Günther Siedbürger, Göttingen 2004

 

Links

Presse

NS-Zwangsarbeiter: Italienische Familie besucht Ort bei Bremen
Nachfahren eines NS-Zwangsarbeiters: Familienausflug in die Barbarei
SPIEGEL online, 18.09.2013

Notizen eines Lagerhäftlings
Gedenkstätte Esterwegen eröffnet Ausstellung
Neue Osnabrücker Zeitung, 11.9.2013

Ausstellung über Elio Materassi erinnert an das Schicksal italienischer Militärinternierter in Nazi-Deutschland
Von Verbündeten zu Arbeitsskalven

Weser Kurier, 7.9. 2013

Fotoausstellung erinnert an ehemaligen Zwangsarbeiter Elio Materassi / Enkel wandelt auf Spuren des Großvaters
Stationen des Leidens in Schwarz-Weiß
Weser Kurier, 17.8.2013

Pressemeldung der Gedenkstättenförderung Niedersachsen, 4.9.2013
Vor 70 Jahren: Transporte mit mehr als 100.000 italienischen Gefangenen treffen in Norddeutschland ein – Sonderausstellungen in niedersächsischen Gedenkstätten erinnernDownload (PDF)

Brotkrumen gegen den Hunger
Die Familie von Elio Materassi kam aus Italien zur Ausstellung im Rathaus Schwanewede
⇒ Weser Report, 8.9.2013 (Download PDF)

Ein Enkel auf Opas Spuren
„In Ricordo“ – eine Ausstellung über italienische Zwangsarbeit
⇒ Weser Report, 18.8.2013 (Download PDF)

Tagebuch eines Zwangsarbeiters
"Wenn der Tod kommen soll, so bitte schnell"
SPIEGEL online, einestages, 20.3.2012

© 2016 Stiftung niedersächsische Gedenkstätten